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Mit uns im WhatsApp-Chat: Florian Walter, Architekt des Heidelberg Congress Center

Entwicklungen identifizieren, Szenarien entwerfen. Und nachhaltig in Form bringen. Klingt sportlich. In einer digitalen Welt, wo alles möglich ist und nur wenig Bestand hat. Florian Walter von Degelo Architekten in Basel über neue Freiheiten, menschliches Bedürfnis und die Erzählkraft des Raums. Ein Interview von Caroline Föhlisch, Dagmar Somma und Regina Feiner.

Florian Walter, Architekt des Heidelberg Congress Center
Planung Heidelberg Congress Center

Grüezi Florian, wo wir gerade online sind: Blogs und Instagram-Accounts zu Architektur findet man jede Menge.
We like

instagram.com/kntxtr
instagram.com/citylab
instagram.com/meristemdesign

Folgst du Influencer*innen?

Guten Tag. Bin nicht auf Instagram, Twitter und Co. Etwas altmodisch: Ich hab einen Newsletter. Der ist inspirierend: A daily dose of architecture. instagram.com/dailydosearchive

Wie wichtig ist digitale Konnektivität inzwischen für deine Arbeit? Impulse, Sparringspartner, vielleicht sogar Kollaboration.

Wir haben uns immer schon stark in verschiedenen Netzwerken bewegt. Am liebsten mit verschiedenen Disziplinen. Die Digitalisierung hat hier eher die Methode oder das Arbeitsmittel verändert. Der Austausch ist unverzichtbar. Digital oder real spielt nicht so die Rolle.

Vernetzter, individueller, gesünder, grüner. Die große Transformation. Überall. Gibt es sowas wie einen Paradigmenwechsel auch in der Architektur?

Gesünder und grüner könnte man in der Architektur vielleicht unter dem Thema Nachhaltigkeit zusammenfassen … wenig Material- und Energieverbrauch für Neubauten. Klar! Zukünftig braucht es gute Strategien für „gesunde“ Städte. Wie können bestehende Gebäude umgenutzt und weiterverwendet werden? Reuse und recycle. Es wird nicht mehr darum gehen, wie viele Quadratmeter jeder zur Verfügung hat, sondern mehr um die Qualität der Nachbarschaft und Angebote an Shared Spaces. Ich glaube, in der Hinsicht entwickelt sich gerade viel.

Absolut. Kreislaufwirtschaft, neues Zusammenleben. Superwichtige Themen. Doch wie ist das bei dir als Architekt, stehen Hypes und Innovationen nicht auch oft der eigenen Ideologie oder Ästhetik im Weg? Bist du da nicht hin- und hergerissen?

Das Hinterfragen von Konventionen und Standards ist ein sehr interessantes Tätigkeitsfeld. Das fördert die eigene Ideologie. Wir haben in Basel ein spannendes Projekt gebaut:

https://architekturbasel.ch/wohnen-fuer-10-chf-pro-m2-bauen-nach-dem-easyjet-prinzip-auf-der-erlenmatt/

Das ist ein interessantes Thema, das uns sehr interessiert. Da sind wir mit der Genossenschaft HomeBase dran, das weiterzuentwickeln. Eventuell der bessere Artikel:

https://architekturbasel.ch/so-wohnt-es-sich-im-radikalsten-wohnhaus-der-stadt/

Maximaler Gestaltungsraum für die Bewohner*innen, finanziell und kreativ, bis zur Heizung und Kühlung. Eindrucksvolles Konzept, Florian. Und zwei Megatrends ganz praktisch umgesetzt: Individualisierung und Demokratisierung. Trotzdem noch mal ganz theoretisch. Aktuelle Entwicklungen integrieren und zeitlose Architektur, ist das kein Widerspruch?

Kommt auf die Trends an, glaube ich. Jedem kurzfristigen Trend nachzulaufen ist sicher falsch. Aber Individualisierung und Digitalisierung werden ja als Megatrends bezeichnet. Sind Megatrends nicht so definiert, dass sie langfristig Veränderung bringen und sich nicht auf einzelne Gruppen, Länder, Branchen beziehen?

Du sagst es. Bleiben wir mal bei den globalen Trends. Alles twittert, streamt, zoomt. Nicht erst seit Corona. Du baust ein Eventgebäude. Ironie des Schicksals? Oder jetzt erst recht?

Vielleicht wird unser Eventgebäude ja so gut, dass alle kurz vergessen zu twittern. ;)) Events werden ja auch zukünftig nicht hinterfragt … die Art der Events wird sich ändern. Aber treffen wird man sich trotz Digitalisierung wollen. Oder seht ihr das anders?

Nö, persönliche Begegnung bleibt sicher eine wichtige Motivation. Aber nicht als emotionale Parallelwelt zu konstruierten digitalen Räumen. Auch Videos, Audios oder Games sind sehen, hören, fühlen, interagieren. Geht für dich physisch und virtuell zusammen?

Grundsätzlich: ja. Beides sind Erlebnisse. Ich bekomme beide getrennt auch ganz gut auf die Reihe. Interessantes Video (zur Überschneidung von physisch und virtuell):

http://km.cx/projects/hyper-reality

Krasse Vision von Keiichi Matsuda. Jede Interaktion als multi-immersive Experience. Wohl auch provokant gemeint vom Londoner Filmemacher. Aber gleichzeitig inspirierend. Kennst du Es Devlin? Sie entwirft Stage Designs für Miley Cyrus, Kanye West, Lady Gaga oder die Metropolitan Opera New York. Und Catwalks für Luis Vuitton. Ihre Idee: Architektur als Stimulation synaptischer Verbindungen.

https://vimeo.com/184741638

Was müssen Architekt*innen tun, um Menschen zusammenzubringen? Können Gebäude Austausch und Kreativität fördern?

Es Devlin: sehr spannend. Ich bin davon überzeugt, dass Gebäude und Räume den Austausch und die Kreativität fördern können. Die Räume und auch die Möblierung sollten dabei nicht alles vorgeben. Und so nicht eine zu starre Nutzung der Räume zulassen. Wie sagt ihr immer so schön: FREIRAUM FIRST!

Selbstbestimmung boomt. Befehl und Hierarchie sind out. Das sind für Heidelberg Congress wesentliche Aspekte bei der Innovationsentwicklung. Alles kann, nichts muss. Was bedeutet das für dich als Architekt? Lässt sich Spontaneität planen?

Gute Frage. Lässt sich Spontaneität überhaupt planen? Oder widerspricht sich das? Glaube aber schon, dass Gebäude Impulsivität ermöglichen können. Da sind Blickbeziehungen wichtig. Auch die Schwellen zu den Räumen müssen angeschaut werden. Die können einladend und offen sein. Die Schwelle zu einem Raum soll nicht zur Hemmschwelle werden. Durch offene, helle Räume sieht man, wer da ist. So ergeben sich einfacher auch ungeplante Gespräche.

Weniger repräsentieren, dafür Möglichkeiten sichtbar machen. Wenn es darum heute geht bei Events, welche Rolle spielt dann noch Ästhetik in der Architektur? Balance, Rhythmus, Style als intellektuelles Zuhause der Community?

Schwierig. Bei der Ästhetik geht es um die Wahrnehmung von Raum … und das mit allen Sinnen. Dafür kann ein Rahmen geschaffen werden. Zum einen über Materialien, Blickzeichen, Licht und Proportionen. Das Gebäude sollte eine Umgebung schaffen, die eine Aneignung erlaubt oder ermöglicht. Dafür ist auch die Bespielung wichtig. Wie viel wird durch das Gebäude oder auch Plätze vorgegeben. Wenn hier eine gewisse Flexibilität vorhanden ist, dann können Räume sehr gut funktionieren. Und auch mit neuen Trends klarkommen.

Beim Konferenzzentrum hat sich das räumliche Verständnis und die Bespielung im Zuge unserer Zusammenarbeit mit Heidelberg Congres auch deutlich verändert. Die Bespielung ist viel offener und die Räume fließen funktional ineinander.

Die Räume im Heidelberg Congress Center sollen Austausch und Kommunikation fördern und so starke Innovationstreiber sein. Wie wichtig für neue Ideen sind Konzentration und Kontemplation? Die Eventlocation als Ort von Begegnung und Rückzug?

Finde ich wichtig. Es braucht eine Ausgewogenheit zwischen Kollaboration, Konzentration und Kontemplation … dazu noch Kreativität und Kommunikation. Davon liest man auch im Zusammenhang mit Coworking und New Work sehr viel. Ich finde, es sollten verschiedene Abstufungen des Rückzugs in einem Gebäude möglich sein. Jeder Raum gleich, ist langweilig. Gerade Kreativität ist ja nicht ständig und immer abrufbar. Da hilft (zumindest bei mir) schon mal ein „Tapetenwechsel“.

Big Challenge! Anregen, aktivieren, verbinden, ermutigen, befreien. Alles über Grundrisse, Formen, Materialien, Licht, Sound. Oder durch die Integration von Bewegung in die Raumkonzeption. Blickfolgen, Szenarien, die zeitliche Dimension. Florian, ist Erlebnisarchitektur Storytelling?

Ich finde eine Geschichte wichtig (nicht nur bei öffentlichen Gebäuden). Sie begleitet den Entwurfsprozess. Anhand dieser Geschichte kann man die einzelnen Elemente zusammenbringen und auch gewollt Kontraste schaffen. Ein „roter Faden“, der sich durch die Gestaltung zieht. Wie bei einem guten Buch … der rote Faden darf viele Wendungen haben (ohne dass er reißt). Das bringt Spannung.

Du schreibst selbst gerade eine Geschichte über die Magie der Begegnung. Was ist dein Narrativ fürs Heidelberg Congress Center?

Die Frage beschäftigt mich und eine Antwort (ein Narrativ) zu nennen fällt mir wirklich schwer. Vielleicht weil wir noch mitten im Prozess stecken. Die Geschichte sind wir noch am Schreiben. Können wir dir Frage auf 2023 verschieben?

Abgemacht! Vielleicht wird der Plot nach dem Start auch ständig weitererzählt. Voller überraschender Wendungen. Permanent neu getriggert durch Innovation, Trends, Zeitgeist. Also mehr Netflix als Roman. Eins musst du uns aber verraten. Jetzt. Was Persönliches. Wir wollen mit dem Heidelberg Congress Center das Format Event neu denken. Erlebnisse ermöglichen, die Menschen und Communitys cool und wichtig finden. Wenn du selbst bei Events bist, Hand aufs Herz, wie fühlt sich das an?

Die eng durchgetakteten Veranstaltungen mit Kaffeepausen und schlechtem Buffet finde ich schwierig. Dazwischen lange sitzen und irgendeiner Präsentation folgen. Gibt es solche Veranstaltungen überhaupt noch?

Events sollten (mich) überraschen … mit guter Gastronomie, mit verschiedenen Raumerfahrungen, mit einem durchdachten Programm, mit Rückzugsorten. Event soll Erlebnis sein.

THX, Florian.

Florian Walter, Architekt des Heidelberg Congress Center
Planung Heidelberg Congress Center